Interview mit Franca Cerutti

Wenn man im politischen Kontext an Vertrauen denkt, denkt man oft groß. Vertrauen in Institutionen, in den Menschen allgemein, in den Staat. Aber was ist eigentlich mit dem Alltagsvertrauen, dem Vertrauen zu Mitmenschen, Familienmitgliedern oder Freunden? Elias hat mit Franca Carutti über den Begriff gesprochen. Franca ist Psychotherapeutin und Unternehmerin, Mutter von drei Söhnen und kandidiert für die Freien Demokraten bei der Kommunalwahl in Orsoy. In ihrer Freizeit ist sie Hobbyimkerin.

Franca, du kandidierst bei der Kommunalwahl in einem Wahlkreis für die Freien Demokraten. Dabei sprichst du davon, dass man dir dein Vertrauen schenken soll. Was ist damit gemeint – aus deiner Sicht als Psychotherapeutin?

Vertrauen ist sozialpsychologisch eine absolute Grundvoraussetzung für das Zusammenleben von Menschen ganz allgemein. Man muss in Gemeinschaften schon vom Wohlwollen anderer ausgehen und davon, dass der andere einem nichts tut Böses will. Vertrauen reduziert auch Komplexität: Ich als Individuum muss mich nicht um alles selbst kümmern, sondern ich schenke jemand anderem mein Vertrauen und meine Stimme. Und zwar demjenigen, dem ich zutraue, dass er meine Interessen wahrt und vertritt,  und mir nicht in den Rücken fällt.

Wie entsteht Vertrauen?

Das so genannte Ur-Vertrauen schient in uns Menschen angelegt zu sein. Und dann kommt es natürlich darauf an, welche Erfahrungen man in seiner Biografie macht. Menschen vertrauen jemandem, wenn sie das Gefühl haben, derjenige versteht sie, steht zu seinem Wort, versteht was gebraucht wird und wo der Schuh drückt und er setzt sich für eine diesbezügliche Linderung und Hilfe ein. In der Regel braucht Vertrauen einen persönlichen Kontakt. Es gibt wenige Organisationen, denen man vertraut, ohne den Menschen dahinter zu kennen. Mir würden da nur Ärzte ohne Grenzen einfallen. Gerade auch in der Politik ist das eine notwendige Voraussetzung, da man als Wähler jemandem die Stimme anvertraut, der sie für einen weiterträgt. Ein grundsätzliches Vertrauen wird Parteien nur ganz selten entgegengebracht.

Was passiert, wenn Versprechungen nicht gehalten werden?

Das ist das Problem in der Politik. Im römischen Recht sagt man „pacta sunt servanda“. Wenn man Vertrauen gewinnen möchte, muss man zu seinem Wort stehen. Verspricht man im Wahlkampf groß vollmundig eine Idee, die hinterher, aus welchen Gründen auch immer, nicht gehalten wird oder nicht gehalten werden kann, weil man zum Beispiel keine Mehrheit bekommt, schädigt das das Vertrauen ungemein und verstärkt vielmehr das Misstrauen. Das nehmen einem die Menschen persönlich übel.

Gibt es so etwas wie ein grundsätzliches Misstrauen?

Im psychopathologischen Sinn gibt es so etwas auf jeden Fall, so gibt es zum Beispiel Erkrankungen, die damit einhergehen und dazu führen, dass man niemandem vertrauen kann. In der Regel ist es so: je ängstlicher Menschen sind, desto weniger vertrauen sie. Solch ein Misstrauen entsteht zum Beispiel durch Enttäuschung, also dadurch, dass man Vertrauen häufiger Mal in jemanden gesetzt hat und dann eben die Erfahrung machen musste, dass den Worten keine Taten gefolgt sind. Wer es mit ängstlichen Menschen zu tun hat, muss seine Vertrauenswürdigkeit und Integrität umso stärker unter Beweis stellen.

Vertraut man Menschen, die einem ähnlich sind, schneller als anderen?

Ja. In der Psychotherapie, die ja meine Arbeit ist, ist ein Hauptwirkfaktor die Größe der gefühlten Nähe zwischen Therapeut und Patient. So erlebe ich es ganz oft, dass mir, nur weil auf meiner Tür „Psychotherapeutin“ steht, ganz schnell vertraut wird und ich quasi Vorschusslorbeeren erhalte. Begünstigt wird das, wenn derjenige glaubt, dass ich einen ähnlichen Erfahrungshorizont wie er habe. Dass ich zum Beispiel in einer ähnlichen Gegend wohne, mit ähnlichen Problemen zu kämpfen habe, dass ich seine Lebensrealität möglichst teile. Das ist ebenfalls ein Problem in der Politik: Viele Wähler haben das Gefühl, „die da oben“ wissen gar nicht mehr, was sie in ihrer Lebensrealität belastet, da sie Politiker oft so abgehoben erscheinen und von ihrem wirtschaftlichen und sonstigem Umfeld so weit weg leben, dass sie keine Nähe mehr zu ihren Wählern mehr haben.  (und man ihnen deshalb nicht vertrauen kann). In der Kommunalpolitik ist das jedoch eine Chance, da man mit den Menschen direkt sprechen kann, ein Lebensumfeld teilt,  und so eine Nähe aufbaut. Menschen vertrauen nicht Umständen, nicht dem geschrieben Wort, sondern Menschen vertrauen Menschen.

Wie würdest du die Entwicklung von Vertrauen gegenüber Parteien in den letzten Jahren beurteilen?

Ich habe das Gefühl, dass wir momentan in einer Zeit der großen Angst und des großen Misstrauens leben. Menschen sind überhaupt nicht mehr bereit, leicht zu vertrauen. Durch Social Media können Panik und Angst noch eher geschürt werden. Um das Vertrauen zurückzugewinnen,  muss man das Gespräch suchen und sich vielleicht auch noch mehr erklären. Das Dilemma in der Politik ist immer, dass man auf Versprechungen oder Visionen angesprochen wird, die man selbst oder die Partei mal gemacht hat, die aber nicht oder nicht in kurzer Zeit umzusetzen sind. Deshalb muss man immer erklären, warum etwas so ist und noch besser im Vorhinein nichts versprechen, was man nicht halten kann. Sonst fühlen sich die Menschen veräppelt und innerlich abgehängt, gerade wenn es zu oft passiert. Ist das Vertrauen einmal geschädigt, ist es ein sehr schwieriger Weg, es zurückzugewinnen.

Danke für das Gespräch!

Elias Sentob (18) leitet den Landesarbeitskreis „Gelungene Integration“ der JuLis NRW und studiert Wirtschaftschemie in Düsseldorf. Außerdem ist er Bezirksprogrammatiker vom Niederrhein.

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