„Digitalisierung, ich kann es nicht mehr hören.“

„Digitalisierung, ich kann es nicht mehr hören.“
Es ist wieder so weit: Weihnachten steht vor der Tür. Wie jedes Jahr haben wir es geschafft, auf den
letzten Drücker Geschenke für unsere Liebsten zu besorgen, die Familie zu besuchen, und wie jedes
Jahr haben wir jetzt schon die passenden Worte für Verwandte parat, die an diesen Festivitäten
durch Nachfragen zu Beruf, dem Studium oder der Schule subtil ihr Desinteresse an einem kundtun.
Und wieder werden wir gefragt, was denn die Politik so mache. Wie immer also. Doch ist es wirklich
wie jedes Jahr? Oder hat sich etwas getan, seitdem die FDP Nein zu Jamaika gesagt hat? Was ist zum
Beispiel mit unserem zentralen Thema, der Digitalisierung? Präsentiert uns die Große Koalition etwas
zum Jahresende 2018?
Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Träumerei und so ein bisschen Träumerei schadet doch
nicht. Aber während die Regierung seit Jahren den großen Wandel unserer Zeit, die Digitalisierung,
verschläft, liegt Opa Heribert goldrichtig, wenn er beim Auspacken der neuen technischen Geräte
unter dem wohlgeschmückten Weihnachtsbaum den Ärger darüber, was viele zukunftsorientierte
Liberale predigen, beim Namen nennt: „Digitalisierung, ich kann es nicht mehr hören.“
Im Gegensatz zum Rest verschlafen unsere Mitglieder die Digitalisierung nicht, wir verträumen sie.
Ob das so schlimm ist, wie sie zu verschlafen? Ganz bestimmt nicht. Bei uns ist angekommen, dass
wir uns in der Zeit des Umbruchs befinden. Bei uns ist auch angekommen, welche Vorteile die
Digitalisierung birgt, seien es effizientere Behördenabläufe, ein breiter Abbau der Bürokratie, offene
Türen für die Chancengleichheit oder moderne Methoden in der Bildung und Forschung. Auch ist bei
uns angekommen, wie sehr wir in dieses Zukunftsprojekt investieren müssen, sodass jeder davon
profitieren kann. Was also haben wir verträumt?
Liebe JuLis, verträumt haben wir zweierlei. Zum einen haben wir übersehen, dass ein großer Teil
unserer Bevölkerung auf ein Alter zugeht, das sich wieder in Einsen und Nullen ausdrücken lässt, und
dass diese Menschen nicht wie viele von uns sogenannte Digital Natives sind. Jene Museumsstücke
lehnen die Digitalisierung mit den Worten ab, dass es immer anders funktioniert habe, man nicht
jedem Trend hinterherlaufen müsse und das Internet ohnehin mehr Gefahren als Chancen berge.
Und diese Einstellung sehen wir nicht nur bei Rentnern und älteren Menschen, auch
vergangenheitsorientierte Schulen weigerten sich im Jahr 2018 noch, Handyverbote aufzuheben oder
dem Unterricht mehr Raum für die Neuen Medien zu geben.
Wenn eine Partei sich „Digitalisierung“ auf die Fahne schreibt, dann muss diese nicht nur konkrete,
politische Impulse geben, sodass sich etwas in Richtung Zukunft bewegt. Wir brauchen genauso
dringend ein gesamtgesellschaftliches Neudenken. Wir brauchen kein „naives Trend-
Hinterhergelaufe“, aber auch keine totale Abschottung. Denn mit der Digitalisierung verhält es sich
wie mit allem, wofür wir Liberale stehen: Wer sie voranbringt, muss auch ihre Konsequenzen tragen
und Verantwortung übernehmen. Wer sie voranbringt, darf sie nicht wie ein Weihnachtsgeschenk
unter den großen Tannenbaum der Bevölkerung legen, sondern muss sie zu einer sachlich geführten
Debatte machen, in der genügend Raum für Bildung, Aufklärung und Diskussion bleibt. Und auch
wenn Lindner „Bedenken“ hintanstellt, wogegen in erster Linie nichts spricht, darf „Second“ für uns
nicht zu einem „Irgendwann mal“ werden.
Nie war mehr Anfang als jetzt, galt also nicht nur für die Jungen Liberalen nach der Bundestagswahl
2017, sondern auch für den richtigen Umgang mit den Dingen, die unsere Zeit prägen. Wir müssen
allen Bürgern verständlich machen, wo die konkreten Gefahren der Digitalisierung liegen, wie wir

unsere Kinder darauf vorbereiten und wo wir Grenzen ziehen können: In welche Bereiche unseres
Lebens soll die Digitalisierung vordringen?
Versteht mich nicht falsch. Ich bin Fan der Digitalisierung. Doch als 2001er und einer der Letzten
derer, die den Großteil ihrer Kindheit ohne die Existenz von Smartphones genossen haben, bin ich
auch der Meinung, dass das „Im-Wald-Spielen“ und Begreifen von Dingen durch „Die-Hände-
schmutzig-Machen“ in der Natur um ein Vielfaches wichtiger ist als der Umgang mit sozialen Medien
und dem Internet, zumindest in der frühkindlichen Entwicklung und im Grundschulalter.
Wenn also eine Liberale fordert: „Wir brauchen iPads in den Kindergärten!“, erwarte ich mindestens
eine andere, die auf die Gefahren eines blinden Umgangs mit Messengern und Chatportalen
aufmerksam macht. Von einer Instagram-Biografie, die da lautet „Jan-10yosingel-send PN for fun
(Auberginen-Emoji)“, zum Versenden von Nacktbildern bis hin zu organisiertem Mobbing ist mit
Smartphones nämlich alles möglich, weshalb Manfred Spitzers Forderung, Smartphones für Kinder zu
verbieten, in ihren Grundsätzen nachvollziehbar ist. Als Gründe dafür nennt der Arzt neben
gesundheitlichen Schäden aber auch die Wichtigkeit, sich mit sozialen Herausforderungen messen zu
können. So behauptet er unter anderem: „Je mehr Bildschirm-Nutzung ein junger Mensch hat, desto
weniger Empathie empfindet er für seine Eltern und Freunde.“ Meilenweit weg von der Realität
scheinen diese Forderungen, aber dennoch nachvollziehbar.
Lasst uns diese Themen wieder in unsere Debattenkultur katapultieren und nicht allem, was
Digitalisierung heißt, verträumt hinterherklatschen, sondern den Finger in die Wunde legen und an
den wesentlichen Stellen nachfragen: „Muss das sein? iPads in Kindergärten, brauchen wir das?“ Und
am wichtigsten: Können wir den älteren Generationen und vor allem unserer Jugend vielleicht noch
effektiver, vielleicht sogar mit einem Unterrichtsfach, vielleicht von Spezialisten und Psychologen
vermittelt, darlegen, was für eine Verantwortung man übernehmen muss, wenn man über das
Internet scheinbar Herr aller Dinge wird?
Wenn wir über diese Fragen gestritten haben, muss im Endeffekt trotzdem jeder für sich
entscheiden. Soll bei den unter Zehnjährigen zu Weihnachten ein Smartphone unter dem
Weihnachtsbaum liegen? Und wenn ja, welche Strategie hat man als Eltern, Lehrer oder sonstige
Bezugsperson parat, um unsere Schützlinge in der Welt der tausend Möglichkeiten und mindestens
genauso vielen Gefahren zurechtkommen zu lassen?
Elias Sentob (17)
studiert Wirtschaftschemie in Düsseldorf und ist Beisitzer im Bezirksvorstand der JuLis Niederrhein.
Erreichen könnt ihr ihn unter elias.online7@gmail.com.