Zukunftsvision: Anne will

Lieber Jens,
auf der Bühne beim Bundeskongress in Bingen hast du eine Vision gefordert. Eine Leitlinie, ein Ziel,
auf welches wir hinarbeiten und das uns Liberale wieder zusammenhalten lässt. „Die Grünen“, hast
du gesagt, „die wissen genau, wo sie hinwollen.“ Die Forderung nach einer positiven Zukunftsvision,
einer Utopie, die deutlich macht und illustriert, wo wir hinwollen, ist berechtigt.
Ich glaube aber, sie existiert bereits. Nein, sie ist nicht so klar und eindeutig skizziert, wie es die
Vision der Grünen ist. Es fehlt ihr noch an Greifbarkeit und viel zu oft versteckt sie sich hinter
Phrasen, die angesichts des mangelnden Vermögens, sie in Worte zu fassen, als Platzhalter ihren
Eingang in Reden und Wahlprogramme finden. Phrasen, die ausgedroschen und verbraucht klingen,
weil klar ist, wie wenig von der eigentlichen Vision sie wirklich beschreiben.
Unsere Zukunftsvision ist nicht nur die einer digitalisierten Gesellschaft. Wir wollen nicht einfach
iPads säen und darauf warten, dass Zukunft daraus wächst. Wir wollen auch nicht einfach schnelleres
Internet, vernetzte Autos oder Online-Behördengänge. Die Fragmente alleine ergeben keine Vision,
die zusammenhält – sie taugen allenfalls als kurzfristige Ziele, als Punkt zwei oder drei im
Kurzwahlprogramm für die Fußgängerzone.
Die Vision, die dahintersteht und sich immer mal wieder in hitzigen Debatten über Uploadfilter,
Glasfaseranschlüsse und Netzneutralität zeigt, ist die einer Gesellschaft, in der die Chancen der
Digitalisierung den einzelnen Menschen zur vollen Entfaltung seiner Möglichkeiten befähigen. In der
die Digitalisierung den Einzelnen nicht nur vernetzter, smarter und erreichbarer, sondern vor allen
Dingen freier, informierter und fähiger macht.
Digitalisierung ist kein Selbstzweck, aber sie öffnet uns die Tür zu einer besseren Gesellschaft. Einer
Gesellschaft, in der die riesige Informationsvielfalt des Internets den Einzelnen nicht überwältigt,
sondern ihn befähigt, sich ein eigenes Bild von Produkten und Sachverhalten zu machen und
mündige Entscheidungen über sein Handeln zu treffen. Eine Gesellschaft, in der ich selber
bestimmen kann, wann und von wo aus ich arbeite. Eine Gesellschaft, in der die Digitalisierung eine
Prozessoptimierung ermöglicht, die nicht nur Zeit und Geld spart, sondern auch Ressourcen schont
und der Verantwortung gerecht wird, die wir für die nächste Generation tragen.
Unsere Vision geht über die Windräder und Naturidylle der Grünen weit hinaus. Sie beschreibt eine
Welt, in der die Digitalisierung Werkzeug zur selbstbestimmten Lebensgestaltung ist. Wir kämpfen
nicht nur für die Digitalisierung, sondern dafür, dass das Homeoffice den Widerspruch zwischen
Familienplanung und Karriereambitionen auslöscht, dass die Nachhilfe nicht für zwölf Euro die
Stunde am anderen Ende der Stadt, sondern für jeden finanzierbar im Internet stattfindet. Für die
lebensrettende, digitale Krankenakte. Für einen vernetzten und effizienten Nahverkehr. Für den
Arztbesuch per Skype. Wir kämpfen dafür, dass die Digitalisierung unsere Gesellschaft um Tausende
Möglichkeiten bereichert und sie freier, partizipativer und vielseitiger macht.
Es ist eine Vision, die wir genauer erkennen, klarer formulieren und bestimmter nach außen tragen
müssen. Das Wort „digital“ 116 Mal in ein Wahlprogramm zu schreiben reicht noch nicht aus, um die
Chancen der Informationsrevolution den Wählerinnen und Wählern angemessen zu illustrieren. Die
Artikel in diesem Heft zeigen eines deutlich – an Ideen für eine liberale Zukunftsvision, die das
Potenzial des digitalen Zeitalters nutzt, mangelt es uns jedenfalls nicht.
Liebe Grüße

Anne
Anne Wickborn (18), ist Medizinstudentin ist Beisitzerin im Bezirksvorstand Aachen und
stellvertretende Chefredakteurin des Julimagazins. Ihr erreicht Sie unter: anne.wickborn@julis.de