Menschenrechte im Schatten einer Weltveranstaltung

Alle Jahre wieder… als am 14. Juni dieses Jahres die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland angepfiffen wurde, begann wieder einmal ein politisches Spektakel. Plötzlich befindet sich ein ganzes Land in einem Rausch, alle werden in den Bann dieser Großveranstaltung gezogen. Warum wir gerade während solcher Großveranstaltungen ein besonderes Augenmerk auf politisches Handeln haben sollten, lest Ihr im Folgenden…

 

Freunde veranstalten riesige Grillfeste, der sonst dauergenervte Nachbar fiebert freudig dem nächsten Spiel der deutschen Nationalmannschaft entgegen. Ja, es muss Fußball WM sein. Ein solches Großevent lässt vorerst alle Sorgen des Alltags verfliegen. Und ein solcher Zustand der Euphorie wird nur allzu oft genutzt, um noch schnell das ein oder andere Gesetz durch das Parlament zu bringen, welches ansonsten eine viel größere mediale Aufmerksamkeit bekommen würde.

 

Wie die GroKo den Euphoriezustand ausnutzte

 

Dieses Jahr drückte die Große Koalition noch schnell eine üppige Erhöhung der Parteienfinanzierung durch. Die klamme Kasse der SPD musste wieder gefüllt werden; das dafür nun maßgeblich der Steuerzahler aufkommt, ist an Anmaßung nicht zu überbieten. Der mediale Aufschrei? Sehr gering. Es läuft ja schließlich die Fußball WM. Die Euphorie innerhalb des Landes ist nach wie vor ungebremst.

 

Wie die Demokratie in Russland unterminiert wird

 

Und dann ist da noch der Austragungsort der Weltmeisterschaft: Russland. Im Land der diesjährigen WM standen dieses Jahr ebenfalls Wahlen an. Wobei jene Wahl den Namen „Wahl“ nicht verdient. Diejenigen, die dem Kreml-Chef Putin gefährlich werden konnten, wurden einer nach dem anderen ausgeschaltet. Um nur wenige Beispiele zu nennen: Der ehemalige Oppositionsführer Boris Nemzow wurde vor drei Jahren in Sichtweite des Kremls erschossen. Alexej Nawalny wurde in einem intransparenten Gerichtsverfahren verurteilt und somit von der Präsidentschaftswahl ausgeschlossen. Wahlen ohne Wettbewerb. Nach diesem Mantra verfährt der Kreml seit Jahren – eine Veränderung steht nicht in Aussicht. Putins Regime hat sich nicht nur von jeglichen liberalen Elementen seiner Demokratie verabschiedet (wie dies mittlerweile auch Polen und Ungarn tun), sondern ebenfalls den demokratischen Prozess unterminiert. Ferner mischt sich Russland wie nie zuvor in demokratische Wahlprozesse des Westens ein. Die Hackerangriffe auf die Server der Demokratischen Partei der USA waren nur die Spitze des Eisbergs. Der Politologe Yascha Mounk erkannte schon vor einiger Zeit, dass Russland die Demokratien des Westens somit untergraben will.

 

Welche Rolle spielt der DFB?

 

Die Erkenntnis, dass in Russland weder faire Wahlen stattfinden noch Grundrechte wie Presse- und Meinungsfreiheit existieren, ist nicht neu. Umso erschreckender ist die Erkenntnis, dass die Vorgänge in jenem Land im Hinblick auf die Fußball WM zu oft unkommentiert bleiben. Der DFB Präsident Reinhard Grindel äußerte sich, angesprochen auf die politische Lage, immer zurückhaltend. „Ich verweise darauf, dass sich der Fußball überheben würde, wenn man glaubt, dass wir Probleme lösen könnten, die im Augenblick weder die UNO oder die Mächtigen dieser Welt lösen können“, sagte der Präsident in einem Interview. Sicherlich ist es nicht Aufgabe eines Fußballverbandes sich ständig und stetig zu politischen Vorgängen zu äußern. Aber getreu dem Motto „Augen zu und durch, wir können sowieso nichts ändern“ sämtliche Menschenrechtsverletzungen zu übergehen, entspricht auch nicht der gesellschaftlichen Bedeutung eines solchen Verbandes. Kaum auszumalen in welcher Welt wir uns befänden, wenn jeder nach diesem Motto handeln würde.

Schon ganz andere Töne wurden vom DFB Präsidenten bei der Causa Gündogan/Özil angeschlagen. Hier twitterte der DFB Präsident noch schnell, dass der Fußball und der DFB für Werte stünden, „die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden“. Für solch gegensätzliche Aussagen wurde der Begriff der Doppelmoral erfunden. Während der Aufbau der türkischen Präsidialdiktatur vollkommen zurecht und in aller Deutlichkeit kritisiert wird, bleibt die Kritik am Austragungsort der Weltmeisterschaft aus –  sie steht im Schatten jener Weltveranstaltung eben.

 

Wie Russland die Austragung zur Imageaufwertung nutzt

 

Nebenbei nutzt Wladimir Putin die Großveranstaltung nun, um Russland von seiner besten Seite zu präsentieren: Menschen dürfen plötzlich auf offener Straße Alkohol trinken und feiern. Modern möchte man sich zeigen, die Leute vor den Fernsehern der Welt sollen dies in aller Bestimmtheit mitbekommen. Man gibt sich freundlich, weltoffen. Die russische Nationalmannschaft schneidet gut ab und sorgt somit dafür, dass die Stimmung im Land positiv bleibt. In der Jubeltraube gehen Aktionen wie jene von Oleg Senzow fast unter: Senzow, ukrainischer Filmemacher, wurde vor nunmehr vier Jahren verurteilt, weil er sich nach Russlands Krim Annexion weiterhin als Staatsbürger der Ukraine sah. Für das russische Regime ein klarer Fall von Terrorismus.

Während dieser Weltmeisterschaft startete Senzow nun einen Hungerstreik. Er setzt sein Leben aufs Spiel, um auf die Menschenrechtsverbrechen Russlands aufmerksam zu machen. Bewusst, weil er weiß, dass sich momentan alle Augen auf Russland richten.

 

Wenn der Vorhang fällt

 

Was nehmen wir also von der Großveranstaltung „Fußball-Weltmeisterschaft“ mit? Eine solche Veranstaltung von Weltformat wird auch hier wieder einmal missbraucht, um die unbestreitbaren Verletzungen von Menschenrechten zu verschleiern und ein Land in einem anderen Licht zu präsentieren. Die Weltmeisterschaft ist ein Geschenk für Despoten wie Putin. Wir tun gut daran, auch während solcher Großereignisse einen gesunden Abstand zu der euphorischen Berichterstattung zu wahren. Fußball kommt in unserer Gesellschaft eine immense Bedeutung zu. Deswegen darf der DFB nicht wegsehen. Weder in Russland, noch bei der kommenden WM in Katar. Keine Veranstaltung dieser Welt gibt die Legitimation dazu, Menschenrechte in den Schatten zu stellen!

 

Anna Neumann (23) studiert Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaften. Sie ist für die Organisation im Bezirk Westfalen-West zuständig. Ihr erreicht Sie unter anna-neumann@julis.de