Mama Africa und die Tafelritter – ein Plädoyer für gemeinsame Entwicklungszusammenarbeit

Oma sammelt an Weihnachten Kleidung für „die armen Kinder in Afrika“, kauft UNICEF-Postkarten und die EU macht schöne Leuchtturmprojekte nach Gießkannenprinzip. Dennoch sehen wir in der Tagesschau aus Afrika nicht viel anderes als Wasserbäuche und Krieg, insgesamt wenig Aussicht auf irgendeine Perspektive. Natürlich fragt man sich dann, ob sich die jahrelange Entwicklungshilfe eigentlich lohnt.

Wir sind uns also einig, dass es nicht weiterlaufen kann wie bisher, wenn wir wirklich etwas ändern wollen. Eine EU, die laut eigener Aussage an der Seite Afrikas an einer einander nährenden Partnerschaft arbeiten will, macht sich schon allein damit unglaubwürdig, indem sie massenhaft Hühnerfleischreste, Tomaten und andere subventionierte Agrarprodukte nach Afrika exportiert und damit die Märkte überflutet.

Auch hierbei sind wir uns einig, dass auf dieser Ebene kein oder kaum Vorankommen aus eigener Kraft möglich ist. Die Entwicklungshilfe deshalb abzuschaffen, wie manch einer meint, wäre aber eine zu kurzsichtige, maximal plumpe Herangehensweise. Gerade deshalb braucht es ein Umdenken; es braucht einen Wechsel von Entwicklungshilfe zur Entwicklungszusammenarbeit!

Es braucht gesamteuropäische Konzepte, die uns endlich handlungsfähig machen! Zuerst einmal müssen wir Handelshemmnisse abbauen. So kann es nicht sein, dass Bananen, die aus Ghana in die EU kommen, abstrusen Krümmungswinkeln entsprechen müssen. Die Krummgewächse der spanischen Bananen aber nicht. Jegliche monetären Hilfen werden also weiterhin im Sand versinken, wenn wir unsere Märkte nicht endlich konsequent für die afrikanischen Erzeugnisse öffnen würden. Es gibt hierzu keine Alternative, wenn wir auf Augenhöhe miteinander handeln wollen. Gerade uns Liberalen sollte ein Freihandel, der am Ende dieser Bemühungen steht, besonders am Herzen liegen.

Handelspartnerschaften fördern unweigerlich Wohlstand im Erzeugerland, weil sie Arbeitsplätze schaffen; wagen wir endlich mehr Wertschöpfungskette in Afrika!

Der Nachbarkontinent wächst, verdoppelt sogar seine Einwohnerzahl bis 2050, und das auch in Zukunft noch mehr, was immense Potentiale birgt. Viele kluge Köpfe finden aber in ihrer Heimat nicht genug Förderung, der „brain drain“, der momentan stattfindet, beschränkt sich nur auf diejenigen, die es sich leisten können im reicheren Ausland zu studieren oder zu arbeiten. Grundbildung ist der erste Schritt.

So könnte sich der neue ghanaische Präsident Akufo-Addo zu einem Vorreiter entwickeln, der mit seiner Rede zum 61. Independence Day seine Ideen zu einem „Ghana beyond aid“ vorstellte – ein Ghana, das also ausländische Hilfen überwunden haben wird. Er will sein Land so führen, dass es auf Entwicklungshilfen getrost verzichten kann und dadurch nach eigenen Vorstellungen weiter entwickelt werden kann. Dabei legt der Präsident in seinem ersten Jahr gut vor und kann ein Wirtschaftswachstum von 3.6% in 2016 auf 7.9% in 2017 verzeichnen. Dazu seien grundlegende Verbesserungen in 6 Themenfeldern nötig: Ghana muss etwas gegen die immer noch recht hohe Arbeitslosigkeit tun. Die Jobs will er vor allem durch die Stärkung des privaten Sektors entstehen lassen. Dafür sind Bildungsinvestitionen und die Entwicklung von Infrastruktur nötig (insbesondere in ruralen Gebieten befinden sich Straßen noch immer in desolatem Zustand, auch das Schienennetz könnte mehr Kapazitäten fassen).  Vor allem beim dritten Punkt, den Bildungsinvestitionen muss man die Bestrebungen für „free SHS-ed“ (free Senior High School – education) hervorheben! Außerdem steht Digitalisierung auf der Agenda. Verwaltungsstrukturen versinken noch oft genug in einem Ozean aus Papier, aber der Kontinent hat schon bei der Telefonie gezeigt, dass es einen für uns Europäer grundlegenden Schritt wie das Auslegen von Telefonkabeln einfach überspringen kann und gleich auf Mobilfunk setzte. Zudem sieht der Präsident auch die Veredelung von Produkten (vgl. o.: Wertschöpfungskette) als einen essentiellen Schritt: Kakao, Öl, Bauxit und Mangan exportiert das Land in beachtlichen Mengen, die Kakaobauern beispielsweise verdienen weniger als 10% am Schokoriegel, wobei ihr Erzeugnis doch der Hauptbestandteil daran ist.

Akufo-Addo könnte also nicht nur ein Reformer werden sondern auch anderen Ländern als Beispiel dienen. Ghana ist eines der fortschrittlichsten Länder der Region, könnte aber als Mitglied der ECOWAS und der African Union zum Zugpferd werden! In allen Punkten der Kampagne stimme auch ich zu, würde sogar noch ein stärkeres Zusammenwachsen der ECOWAS oder AU anfügen. Ich will hiermit zeigen, dass der Wandel dort bereits begonnen hat, „wir Westler“ müssen nun diese löbliche Bewegung begleiten, aber nicht als Oberlehrer, die den Afrikanern ins Heft diktieren, sondern als Partner am gleichen Tisch. Dabei dürfen wir nicht nach dem „Kleidercontainer-Prinzip“ unsere Hilfsleistungen rüber werfen sondern dürfen auch dabei marktwirtschaftlich denken, das heißt vor allem in vielversprechende Projekte und Unternehmen zu investieren.

Durch unseren Einsatz auf dem Kontinent profitieren wir nicht nur von neu zu erschließenden Absatzmärkten der reicher werdenden Bevölkerung, sondern könnten so auch der Migrationsfrage, die uns schon lange umtreibt, nachhaltig, menschenwürdig und sukzessiv überzeugend begegnen. Durch mehr Chancen und Sicherheit im Heimatland würden wir die Zahl der Menschen, die sich auf den lebensgefährlichen Weg durch Sahara und Mittelmeer machen, maßgeblich begrenzen.

Und eine gemeinsam agierende EU hat noch einen weiteren Vorteil: Wir hätten endlich ein wirksames Instrument, um im Handel mit autokratischen Präsidenten energischer aufzutreten und auf Menschenrechte zu pochen. Eine Zahlungsverweigerung von ein paar Millionen Euro bewirkt wohl nicht mehr als ein Schulterzucken, wenn man großvolumige Projekte wie den Bau eines Hafens als Mittel in seiner Hand weiß, kann man viel mehr bewegen. Derartiges Vorgehen kann nur eine EU-Entwicklungspolitik aus einem Guss erreichen.

China hat das Potential längst erkannt und baut Schienen in Kenia, Fabriken in Äthiopien, einen Tiefseehafen in São Tomé und beweist mit seinem Engagement zumindest eins: die Investition und die Stärkung der afrikanischen Länder zahlt sich aus! Das Problem mit China ist aber nicht nur das Desinteresse wie sein Partner es mit den Menschenrechten hält, sondern auch dass es in seinem Streben nach Rohstoffen ohne Rücksicht vorgeht. Chinesische Arbeiter schürfen über Jahre schon in Ghana nach Gold: „galamsey“ wird das genannt und verunreinigt für die Bewohner lebenswichtige Flüsse. Daher dürfen wir China hier nicht das Feld überlassen!

Dazu müssen wir noch viel mehr und intensiver über dieses Thema reden und Konzepte mit liberalen Antworten entwickeln, die gemeinsame Entwicklungspolitik, die umsichtig vorgeht, Probleme sukzessiv behandelt und vor allem die Afrikaner an die Tafelrunde bittet. Afrika ist der Chancenkontinent unseres Jahrhunderts!

 

Lennard Kroll (21) studiert Medizin und ist im Kreisvorstand der JuLis Bochum. Erreichen könnt ihr ihn unter lennard.kroll@julis.de. “